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Aktuelles

Jugendliche unter Druck: Neue Therapieangebote

04. August 2017

Assistenzärztin Dr. Stephanie Grönke (links) und Psychologin Anja Thürmer beraten über neue Strategien.

Die Ergotherapeuten Madline Wallschläger und Andreas Wiebke erarbeiten den Ausdruck von Gefühlen durch Tonarbeiten.

Kinderpsychiatrie hilft Selbstverletzern und jungen Patienten mit Schmerzstörungen

Rostock/Hansaviertel - Erhöhter Leistungsdruck in der Schule oder Stress im Umfeld können sich auf Kinder und Jugendliche auswirken. Manche sind den äußeren Einflüssen nicht gewachsen und äußern ihre emotionale Überforderung unterschiedlich. Mancher Heranwachsende verletzt sich selbst, andere klagen über Schmerzen, für die es keine organischen Ursachen gibt. Eltern sind dann mit ihren Kindern oft hilflos – Beratungs- und Therapieangebote sind Mangelware. Die Unimedizin Rostock reagiert auf die stetig steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit selbstverletzendem Verhalten und psychosomatischen Erkrankungen und hat ihr Therapieangebot ausgebaut.

„In MV gibt es nur wenig spezialisierte Angebote, dabei gibt es einen großen Bedarf“, sagt Prof. Dr. Johannes Buchmann, kommissarischer Direktor der Kinderneuropsychiatrie. In der zugehörigen Tagesklinik in der Kinderklinik, Ernst-Heydemannstraße, gibt es daher seit Neuestem eine Therapiegruppe für junge Patienten mit selbstverletzendem Verhalten und eine für Patienten mit Schmerzstörungen. In beiden Gruppen erwartet die jungen Patienten eine spezielle zehnwöchige Verhaltenstherapie.

„Bei Patienten, die sich verletzen, konzentrieren wir uns darauf, das problematische Bewältigungsverhalten abzulegen und durch günstiges zu ersetzen“, erklärt Diplompsychologin Anja Thürmer. Viele der Jugendlichen kratzen oder schneiden sich mit Rasierklingen in die Unterarme, in den Bauch oder die Leistengegend, wo es niemand sieht. Betroffene Eltern haben Angst um ihre Kinder, wenn sie solche Schnittwunden entdecken; manche Patienten haben Suizidgedanken. Das selbstverletzende Verhalten dient aber in erster Linie zum Abbau starker innerer Anspannung. Oft verletzen sie sich auch als Selbstbestrafung. Die Psychologin erarbeitet mit den Patienten in den Gruppengesprächen die Gefühle und Gedanken, die sie vor und beim Schneiden haben, ohne zu bewerten.  „Unser Ziel ist es, ihnen dann zu zeigen, wie sie ihre Emotionen bewältigen und stattdessen reagieren können“, so Thürmer. So können sie etwa mit einem Gummiband schnipsen, einen Kühlakku auf den Arm legen, in eine Zitrone beißen.

In Gruppengesprächen lernen die Patienten einen achtsamen Umgang mit ihren Gefühlen und Probleme auszusprechen, um das selbstverletzende Verhalten ablegen zu können. Eine ambulante Nachbetreuung, um den Ursachen des Problemverhaltens auf den Grund zu gehen, ist unbedingt notwendig.  Auch Kinder und Jugendlichen mit Schmerzstörungen können in der Tagesklinik behandelt werden. Meist haben sie nicht körperlich begründete Kopf-, Bauch- oder Rückenschmerzen. „Sie sind oft Ausdruck emotionaler Belastung“, sagt Assistenzärztin Dr. Stephanie Grönke. Die Schmerzen seien nicht eingebildet, sondern eine Form der passiven Stressbewältigung. „Wir ermuntern die Patienten zu einer aktiven Bewältigung, indem wir die Gefühle herausarbeiten und ihnen Möglichkeiten zeigen, mit ihnen umzugehen“, so Grönke. Manuelle Therapie, Ergo-, Bewegungs- und Entspannungstherapie unterstützen den Prozess.