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Verhaltenstherapie macht Moritz stark für die Schule

05. Mai 2017

Therapie bringt Erfolg: Moritz und Schwester Heike Zimmermann freuen sich über jeden Schritt nach vorn.

Steigender Druck auf Kinder / Einnässen im höheren Kindesalter keine Seltenheit mehr

 

Rostock/Hansaviertel – Leicht hatte es der kleine Moritz bisher noch nie. Von Geburt an ist der heute Achtjährige entwicklungsverzögert. Zusätzlich leidet er an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung - kurz ADHS. Er ist zappelig, kann sich nur mit Mühe konzentrieren, seine Gedanken schwer in Worte fassen. Mit der Einschulung begann für Moritz ein neuer Lebensabschnitt, der für den kleinen Jungen mit vielen Hürden verbunden war. Die mehrmaligen Versuche von Mutter Daniela, ihren Sohn in einer Diagnose-Förderklasse unterzubringen, schlugen fehl. Im Sommer 2015 wurde Moritz eingeschult - in einer regulären Schulklasse. „Wie zu erwarten lief es für Moritz nicht gut“, resümiert sie. Er kam im Unterricht nicht mit und fiel negativ auf, aber was noch viel besorgniserregender war - seit dem Schulstart machte Moritz jede Nacht ins Bett.  

Das Einnässen, über das Eltern oft beschämt schweigen, ist bei weitem kein Einzelphänomen. Die Zeiten des Trockenwerdens haben sich vom Alter her nach hinten geschoben und liegen bei fünf bis sechs Jahren. Es gibt Kinder, die durchgehend einnässen und solche, die im Kleinkindalter trocken werden, mit Beginn der Schulzeit aber wieder einnässen. Die Ursachen können verschiedenster Natur sein, schulische Überforderung ist einer der Gründe.  

Auch bei Moritz spielten geistige Überforderung, steigender Leistungsdruck und nächtliches Bettnässen zusammen. Nach mehreren erfolglosen ambulanten Therapien wusste sich Mutter Daniela keinen Rat mehr und brachte ihren Sohn in die Kinderpsychiatrie der Unimedizin Rostock. „Ein Weg, den ich schon viel früher hätte gehen sollen, auch wenn die zeitweise Trennung schwer war“, sagt sie. Drei Monate lang festigten Ärzte, Psychologen und Pflegekräfte Moritz körperlich und geistig, sodass er nun fit für den Schulalltag ist. „Eine stationäre Behandlung war für ihn das Beste, weil eine komplexe Verhaltenstherapie viel Zeit in Anspruch nimmt und Eltern im Alltag zu Hause einfach an ihre Grenzen stoßen“, erklärt Assistenzarzt Martin Reinhardt, der Moritz die ganze Zeit über betreute. Zuvor war eine organische Ursache für die Enuresis – so der medizinische Begriff für das Bettnässen - ausgeschlossen worden.  

In einer Gruppe von zehn Kindern mit unterschiedlichen Störungen wurde Moritz während des Klinikaufenthalts am Gehlsdorfer Zentrum für Nervenheilkunde rundum betreut. „Bei uns erleben die Kinder und Jugendlichen keinen tristen Klinikaufenthalt“, erklärt Reinhardt. Die auf Moritz abgestimmten Therapien wurden in den Tagesablauf zwischen Mahlzeiten, Spielzeiten und dem Unterricht an der auf dem Klinikgelände in Gehlsdorf gelegenen „Schule für Kranke Heinrich Hoffmann“ eingebettet: Dazu gehörten Bewegungs- und Musiktherapien sowie Einzelgespräche mit einem Psychologen.  

Um die Enuresis zu überwinden, bekam Moritz unter anderem ein Klingelhöschen. „Ich zog es immer vor dem Schlafengehen an“, erzählt der Zweitklässler. Es ist mit einem Glöckchen verbunden, das klingelt, sobald es Feuchtigkeit registriert. „Dann wachte ich auf und ging zur Toilette“, erklärt Moritz. Das Wecktraining zeigte schon nach kurzer Zeit Wirkung; Moritz schlief durch – ohne einzunässen. „Das war wichtig für sein Selbstwertgefühl und reduzierte seine Unruhe im Schlaf auf ein Minimum“, so Reinhardt. Ein ausgeschlafenes Kind sei tagsüber ausgeglichener und gehe besser mit anspruchsvollen Situationen um. Dann legten Mediziner und Pfleger ihr Augenmerk auf Moritz‘ Tagesablauf. Die größte Herausforderung bestand für den Achtjährigen darin, den geregelten Tag einzuhalten und die täglichen Aufgaben zu erfüllen. Dafür wurde nicht nur seine Medikation besser eingestellt, sondern sein Verhalten genau unter die Lupe genommen. Die kleinen Patienten bekommen jeden Tag eine Aufgabe - für deren Bewältigung gibt es Punkte, die die Schwestern auf einer Tafel festhalten. Sich etwa am Esstisch zu benehmen und nicht über die Station zu rennen, waren zwar kleine Aufgaben, für ADHS-Patient Moritz aber große Schritte. Am Wochenende wurden die Punkte summiert. War das Wochenziel von 80 Punkten erreicht, bekam der Patient einen kleinen Preis - einen Ausflug oder eine kleine Aufmerksamkeit. „Wir sind zum Beispiel schwimmen gegangen“, sagt Moritz.  

An seine Zeit in der Kinderpsychiatrie im Winter erinnert sich der Achtjährige gern zurück. Die Schwestern, besonders Heike Zimmermann, haben den Wirbelwind in ihr Herz geschlossen. „Er ist ein Goldschatz und hat sich toll entwickelt“, sagt sie lächelnd. Er sei immer freundlich gewesen und habe sich gut in die Gruppe eingefügt. „Wenn er wegen der räumlichen Trennung zu seinen Eltern mal traurig war, haben wir ihn getröstet“, so die Kinderkrankenschwester. Auch Mutter Daniela ist begeistert, was die Verhaltenstherapie bei ihrem Sohn bewirkt hat: „Er kann sich viel besser konzentrieren, hört auf das, was ich ihm sage, und kann am Abend konzentriert erzählen, was er am Tag erlebt hat.“ Daran war vorher nicht zu denken. Mittlerweile hat sich auch die schulische Situation für Moritz deutlich entspannt. Seit dem zweiten Schuljahr geht er in eine Förderklasse. Dort bekommt er die Aufmerksamkeit und Betreuung, die er benötigt. „Seine Leistungen haben sich außerdem deutlich gebessert, das Einnässen ist sogar völlig weg“, freut sich die Mutter.