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100 Patienten in 10 Tagen: Rostocker Team operiert Kinder in Vietnam

15. June 2020
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Starkes Team: Chirurgin Susanne Josko, Anästhesist Dr. Marcus Schmidt, Anästhesieschwester Birgit Klaer, Chirurg Dr. Jan-Hendrik Lenz und Logopädin Dr. Ann Dieckmann helfen jedes Jahr vietnamesischen Patienten.

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Dr. Marcus Schmidt, Oberarzt an der Rostocker Anästhesie, hält eine kleine Patientin mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Arm. Sie ist eine von 150, die sich jedes Jahr in Vietnam vorstellen.

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Vom Narkosegerät bis zur Infusionsnadel: Die komplette Ausrüstung, die für die Eingriffe notwendig ist, organisiert das Team selbst.

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Die Rostocker Stimm- und Sprachheilpädagogin Dr. Ann Dieckmann mit einem genesenen Patienten.

Spezialisten der Unimedizin reisen jährlich nach Da Nang / Behandlung von angeborenen Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

Kinder, die nie gelernt haben, verständlich zu sprechen, Säuglinge, die seit ihrer Geburt über eine Sonde ernährt werden müssen und Mädchen, denen mit ihren fehlgebildeten Mündern gesellschaftliche Ächtung droht – die jungen Patienten, die die Sprachheiltherapeutin Dr. Ann Dieckmann in Vietnam sieht, haben wahrlich keine unbeschwerte Kindheit erlebt. Sie alle leiden an Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, einer der angeborenen Fehlbildungen, die in dem Land relativ häufig auftreten, allerdings kaum behandelt werden können. Aus diesem Grund reist Dieckmann mit ihren Kollegen von der Universitätsmedizin Rostock einmal im Jahr für zwei Wochen in das vietnamesische Da Nang, um den Kindern vor Ort zu helfen.

Das Team besteht aus fünf Spezialisten der Unimedizin, wo derartige Fehlbildungen seit über 60 Jahren in einem Spaltzentrum behandelt werden: Ein Anästhesist, eine Fachkrankenschwester für Anästhesie, zwei Chirurgen und Ann Dieckmann selbst. „Durch die Fehlbildung, bei der sich bereits im Mutterleib der Raum zwischen Nasenhöhle und Kiefer bzw. Mundhöhle nicht schließt, lernen die Kinder nicht zu saugen, zu schlucken oder zu sprechen“, sagt sie. „Ich helfe ihnen dabei, die dafür notwendigen Funktionen auszubauen. Ich spreche zwar selbst kein Vietnamesisch, aber es funktioniert trotzdem wunderbar. Die Kinder sprechen einfach alles nach.“

Etwa eines von 500 Babys kommt in Deutschland mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auf die Welt. In Vietnam sind es mehr als doppelt so viele. „Das liegt vermutlich vor allem am Dioxin, das im Vietnamkrieg als Agent Orange versprüht wurde“, erklärt Oberarzt Dr. Dr. Jan-Hendrik Lenz, der das Team als Chirurg der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie der Rostocker Unimedizin begleitet. „Auch 40 Jahre nach dem Krieg ist die Konzentration im Boden sehr hoch – die Menschen nehmen das Gift über die Nahrung in ihren Körper auf, wo es beim Nachwuchs zu Fehlbildungen führen kann.“ Entsprechend lang ist die Schlange an Patienten, wenn die deutschen Ärzte kommen: „Etwa 150 Kinder stellen sich vor, von denen wir in den zehn Tagen, in denen wir operieren, rund 100 versorgen können“, so Lenz. Um während der Eingriffe Komplikationen zu vermeiden, werden die Kinder von Oberarzt Dr. Marcus Schmidt und Schwester Birgit Klaer von der Rostocker Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin eingeschätzt und betreut.

Die Einsätze werden vom Verein Deviemed koordiniert, den die Rostocker Experten seit 2014 ehrenamtlich unterstützen. Ohne diese Arbeit würden die jungen Patienten nicht behandelt werden. „Das Gesundheitswesen vor Ort ist dazu schlicht nicht in der Lage“, sagt Ann Dieckmann. „Den Beruf des Logopäden gibt es dort nicht einmal.“ Das hat schlimme Folgen für die Betroffenen: Neben den funktionellen Einschränkungen beim Sprechen, Atmen und Schlucken leiden vor allem Mädchen an der entstellenden Erkrankung: „In der patriarchalisch geprägten Gesellschaft hätten sie ohne OP keine reelle Chance auf einen Mann und somit auf ein gesichertes Leben.“ Um die künftige Versorgung zu sichern, schult das Team die Kollegen in Da Nang.

Für den Einsatz wird den Rostockern eine Etage einer Rehabilitationsklinik zur Verfügung gestellt, mit zwei Operationsräumen. „Diese Räume sind – bis auf zwei Tische und ein Narkosegerät – leer“, so Anästhesist Marcus Schmidt. „Die gesamte restliche Ausrüstung, alle Medikamente, jede Nadel, jeden Faden, müssen wir selbst organisieren. Auch festes Personal oder eine Intensiveinheit gibt es nicht.“ Pro Patient steht ein Bett bereit – „die Eltern oder die ganze Großfamilie, die zu dem Eingriff angereist ist, schläft auf dem Boden. Es gibt keine Essensversorgung, die Wäsche wird von Hand vor der Klinik gewaschen.“ Das Team selbst, das extra für das Projekt Urlaub nimmt, ist jeden Tag bis spät in die Nacht im Einsatz. „Wir arbeiten auch an der Unimedizin eng zusammen und haben uns als Team einfach gefunden“, sagt Dieckmann. „Unser Herz schlägt für die Kinder.“ In diesem Jahr konnte sie durch die Corona-Krise nicht nach Vietnam reisen. Sie freut sich aber schon darauf, ihre kleinen Patienten – und zahlreiche neue – 2021 wiederzusehen.

Über den Verein Deviemed

In dem gemeinnützigen Verein Deviemed setzen sich seit 25 Jahren deutsche und vietnamesische Experten dafür ein, Patienten mit angeborenen Fehlbildungen des Gesichtes humanitäre und medizinische Hilfe zu leisten. Für diese Arbeit ist der Verein auf Spenden angewiesen.