header

Aktuelles

3.041 Rostocker Kinder zeigten ihre Zähne: Medizinerin warnt vor Vernachlässigung der kieferorthopädischen Vorsorge

29. September 2008

Der Anblick ist allgegenwärtig und gilt fast schon als schick: Jugendliche mit Zahnspangen, von himmelblau bis glitzerbunt. Nach oft mehrjähriger Prozedur sind das Ergebnis meist makellos ebenmäßige Zahnreihen.

Doch die mechanische Regulierung von Kieferanomalien ist teuer. Und nicht immer sagt die „schöne“ Zahnreihe die Wahrheit über den Erfolg kieferorthopädischer Korrekturen. „Wir können heute nachträglich mechanisch viel erreichen“, sagt Professor Rosemarie Grabowski, Direktorin der Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Rostock. Doch ebenso wichtig seien präventive Maßnahmen, um nicht nur ein schönes, sondern ein funktionell einwandfreies Ergebnis zu haben, das Zähne lebenslänglich gesund erhält.

 

„Während in der Zahnheilkunde der Wechsel hin zur Prävention weitgehend vollzogen ist, trifft dies für kieferorthopädische Versorgung nicht zu“, kritisiert Professor Grabowski. Ein Grund dafür sei die Politik der Krankenkassen, die die Kosten für Zahnspangen weitgehend erst am Ende des Zahnwechsels oder später übernehmen. Dann sind die Anomalien „ausgereift“. Für die Krankenkassen gelten metrisch erfassbare Abweichungen als Maß der Schwere und damit der Kostenübernahme. Das bedeutet, dass präventive Maßnahmen oder Frühbehandlungen nur ausnahmsweise erfolgen können. Da kein Kind mit einer „ausgewachsenen“ kieferorthopädischen Anomalie geboren wird, bleiben im Milchgebiss und während des Schneidezahnwechsels die Anomalien meist unter den metrischen Grenzwerten. Die Prognose der Entwicklung, das sind die verstärkenden Einflüsse, spielen kaum eine Rolle. Für Prävention und Frühbehandlung sich erst entwickelnder Anomalien ist der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen extrem eingeschränkt. Dabei können beide eine eventuell später notwendige mechanische Therapie vereinfachen und das Behandlungsergebnis stabiler werden lassen.

 

Um die Notwendigkeit der Vorsorge zu untermauern, hat die Medizinerin für eine Studie 3.041 Rostocker Kinder im Vorschul- und frühen Schulalter untersuchen lassen. Sie fand heraus, dass Fehlfunktionen in der Zeit des Wechsels vom Milch- zum Wechselgebiss signifikant ansteigen. „Wenn wir in diesem frühen Stadium eingreifen könnten, wäre viel gewonnen“, ist die Kieferorthopädin sicher. Zahnfehlstellungen sind keine Schönheitsfehler. Eine Zahnfehlstellung ist häufig das sichtbare Bild vielschichtiger Funktionsstörungen. Das heißt viele Erkrankungen nehmen vom Mund aus ihren Ursprung. Die Haltungsschwäche z.B., die der Kieferorthopäde an dem offen stehenden Mund des Kindes erkennt, belastet nicht nur die Gebissentwicklung. Erkrankungen der oberen Atemwege, die vergrößerte Rachenmandel, Schlafstörungen, die Beeinträchtigung beim Hören und Sprechen bei Kindern sind untrennbar mit der Gebisssituation verbunden. Solche fehlerhaft ablaufenden Funktionen sind nicht die Folge, sondern häufig die Ursache der Zahnfehlstellungen. Je früher solche mundmotorischen Probleme erkannt und behoben werden, umso leichter gelingt ihre Überwindung. Hier gilt das Sprichwort „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“.

Dass sich das alles während des Zahnwechsels „gibt“, konnte die aufwändige Untersuchung in Rostocker Kindereinrichtungen und Schulen widerlegen. Frau Prof. Grabowski appelliert deshalb an die politisch Verantwortlichen, die allein metrische Erfassung zur Erkennung von behandlungswürdigen Anomalien zugunsten der Entscheidungskraft der Behandler aufzugeben. „Sie erkennen, wann auch kleineren Abweichungen schwerwiegende Entwicklungsstörungen folgen können“. Frei nach der Devise: Mach ich mir mit kleinen Kindern große Sorgen, habe ich mit großen Kindern kleine Sorgen.