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"Emma" macht selbstbewusst gegen sexuelle Angriffe

18. July 2014

Die Rostocker Leiter des Emma-Projekts: Psychologe Dr. Olaf Reis (v.l.), Psychologin Wencke Chodan – mit „Emma“ höchstpersönlich – und Prof. Dr. Frank Häßler.

„Mmh, du riechst aber gut“ sagt der Sportlehrer, als er die Umkleidekabine betritt. Seine junge Schülerin ist gerade dabei, sich mit dem Handtuch abzutrocknen. „Komm, ich creme dich mit dieser schönen Körpermilch ein, davon kriegst du 'ne richtig weiche Haut.“ Er macht noch einen Schritt auf das Kind zu. „Nimm mal dein Handtuch weg.“ 

So beginnt ein kleines Video, das Wencke Chodan in ihrem Büro in der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter (KJPP) der Rostocker Universitätsmedizin abspielt. Die Psychologin drückt die Pause-Taste. „24 solcher Filmsequenzen haben wir mit dem Institut für Neue Medien angefertigt“, erzählt sie. „Darin werden Situationen angedeutet, in denen sich ein sexueller Missbrauch anbahnt. Davor wollen wir Mädchen mit geistiger Behinderung schützen.“ 

Die Videos sind Teil des Präventionsprojekts „Emma unantastbar!“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Es wurde vor knapp zwei Jahren ins Leben gerufen und ist auf die Bedürfnisse von Mädchen mit leichter geistiger Behinderung im Alter von acht bis zwölf Jahren abgestimmt. Neben den Rostocker Experten sind das Heckscher Klinikum München und der Verein Wildwasser München beteiligt. „Hinter dem Projekt steckt eine traurige Tatsache“, erklärt Klinikdirektor und Projektleiter Prof. Frank Häßler. „Das Bundesfamilienministerium schätzt, dass jedes vierte Mädchen mit geistiger Behinderung vor seinem 18. Geburtstag sexuelle Übergriffe erlebt. Dem wollen wir entgegenwirken.“

Dazu hat Wencke Chodan gemeinsam mit Dr. Olaf Reis, Leiter der Abteilung Forschung der KJPP, nationale und internationale Studien zum Thema gesichtet und Erfahrungsberichte angehört. Herausgekommen ist ein Programm aus zehn Sitzungen à 90 Minuten, das die Experten in Schulen in MV und Bayern testen. „Mit Rollenspielen, Gesprächen und den Videoclips lernen die Schülerinnen aktiv, wie sie gefährliche Situationen erkennen“, so Chodan. „Wir zeigen, wie sie Grenzen setzen und sich Hilfe holen.“ Immer mit dabei: Emma.

Emma ist klein, blond und aus Plüsch. Sie trägt ein modisches rot-weiß gestreiftes Shirt und knallgelbe Schuhe. „Alle lieben Emma“, bestätigt Chodan. Von Trainerinnen zum Leben erweckt, fragt Emma die Kinder: „Kennt ihr Situationen, die unangenehm sind? Kennt ihr kratzige Küsse? Wisst ihr, welche Geschlechtsteile es gibt?“ Spielerisch lernen die Mädchen mit der Figur den Umgang mit Themen, die sich normalerweise komisch anfühlen. Unangenehme Wörter, wie Penis oder Vagina, dürfen sie ihr ins Ohr flüstern. „Wir tasten uns langsam an das Thema sexueller Missbrauch heran“, so Chodan. „Wir wollen niemanden bloßstellen oder überraschen.“ 

So reichen die Szenen, die besprochen werden, vom Bruder, der plötzlich in der Tür steht, während man auf der Toilette sitzt, bis zum Ferienbetreuer, der sich Pornohefte mit einem anschauen will. Indem die Mädchen diese Szenen nachspielten, werde das Wissen nicht nur erlernt, sondern das Verhalten verändert, erklärt Chodan. Wichtig sei es, eigenen Gefühlen zu vertrauen: „Wenn Du findest, das fühlt sich nicht richtig an, dann sag nein“, bringt Emma den Kindern bei. Und betont das Entscheidende: „Erzähl anderen davon.“

Das Projekt läuft bis Herbst 2015. Danach soll es Fachkräften, die mit geistig behinderten Kindern arbeiten, als Manual kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Um sicherzugehen, ob die Trainings fruchten, wird das Projekt wissenschaftlich begleitet: „Es gibt vier Zeitpunkte, zu denen wir überprüfen, ob die Kinder das Gelernte verinnerlicht haben“, so Psychologe Reis. „Alles wird per Video aufgezeichnet und dokumentiert. Schließlich sind die Kinder nur dann geschützt, wenn wir sichergehen können, dass sie das Gelernte anwenden.“ Das Projekt sei auch dann als erfolgreich zu werten, wenn gezeigt werden kann, dass die Mädchen trotz der Trainings nicht adäquat reagieren. „Das würde bedeuten, dass sie anders geschützt werden müssen.“

Das Mädchen aus dem Video macht es richtig vor. Selbstbewusst entgegnet es dem zudringlichen Trainer: „Nein! Das mach ich lieber allein.“ Später geht es zur Vertrauenslehrerin: „Frau Müller, ich muss Ihnen was erzählen.“