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Infotainment im Netz – Notfallmediziner liefern 100 Fakten zum Alkohol

21. August 2015

Dr. Gernot Rücker, Betreiber des neuen Blogs, lebt abstinent. Er fordert aber kein Alkoholverbot, sondern einen bewussteren Umgang mit alkoholischen Getränken. Foto: Unimedizin Rostock

Spezialist: Folgen des Konsums werden gern unter den Tisch gekehrt

Mit einer wegweisenden Idee sind die Notfallmediziner der RoSaNa (Rostocker Simulationsanlage und Notfallausbildungszentrum) der Unimedizin Rostock an den Start gegangen. Seit einigen Wochen verbreiten sie über eine Facebook-Seite „100 Fakten zum Alkoholkonsum“, neudeutsch würde man das Angebot wohl Infotainment nennen. Die Fan-Gemeinde ist in kürzester Zeit auf über 800 Nutzer angeschwollen; mancher Beitrag wird an 36 000 User weiterverteilt. RoSaNa-Leiter und Initiator Dr. Gernot Rücker hofft, dass die Aufmerksamkeit noch viel größere Kreise zieht. „Alkohol ist eine Elendsdroge, die uns allen Ressourcen raubt“, sagt er.

Andere, illegale Drogen würden aus Unwissenheit stigmatisiert, während Alkohol als legales und anerkanntes Rauschmittel völlig gesellschaftsfähig sei. Dabei wirke er zerstörerisch. Jeden Tag, so der Arzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, erlebten er und seine Kollegen in der Notaufnahme und an Unfallorten, welche Dramen sich unter Alkoholeinfluss abspielen. So sammelte ein Team aus drei Ärzten und einer Schwester Fakten zum Alkohol zusammen, 100 werden es am Ende sein. Polizeistatistiken wurden konsultiert, der Suchtbericht der Bundesregierung, Internetforen, religiöse Schriften, Datenbanken. Derzeit sind 16 Fakten veröffentlicht, die Diskussion zu jedem einzelnen kocht hoch, bleibt aber gesittet. „Der Diskurs ist klasse“, sagt Rücker, der selbst keinerlei Drogen konsumiert. Dennoch stellt er immer wieder Haschisch neben den Alkohol – nicht um für Cannabis zu werben, sondern um deutlich zu machen, „dass die Grenze zwischen gefährlich und ungefährlich, legal und illegal ganz willkürlich gezogen wird“, so Rücker.

Er fordere aber kein Alkoholverbot. „Aufklärung ist der einzige Weg.“ Drogenmündigkeit, das Bewusstsein, welche Droge welche Wirkung hat, sei das Ziel. „Im Fall von Alkohol sind wir unsensibel dafür geworden, weil wir die Grenze zwischen Genuss- und Rauschmittel nicht mehr wahrnehmen“, findet der Mediziner und stellt klar: „Es gibt keine Droge, die harmlos ist. Drogenkonsum bedeutet, sich über die Einnahme einer Substanz vom jetzigen Gemütszustand in einen Wunschzustand bringen zu wollen. Das geht nicht ohne Kollateralschaden.“ Die Spätfolgen unreflektierten Alkoholkonsums etwa kosteten nicht nur irgendwann die Gesundheit, sondern auch den Steuerzahler zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr.

Mittlerweile präsentiert das Team um den Arzt, um mehr Alkoholkonsumenten zu erreichen, die ersten 16 Fakten parallel zum Facebook-Auftritt auch in einem Blog namens www.100faktenzumalkoholkonsum.info. In einem der Beiträge berichtet das Team, dass in Deutschland fast jede dritte Gewalttat unter Alkoholeinfluss stattfindet. „Bald steht wieder das Oktoberfest an, es wird wieder unzählige Maßkrugschlägereien geben“, sagt Rücker. Anders als bei anderen Drogen verlaufe die Wirkung bei Alkohol nicht linear: „Die erwünschte Fröhlichkeit, die heruntergesetzte Kontaktschwelle sind zwar schnell erreicht, gehen aber schnell in Müdigkeit oder aber eben in Aggressivität über“, so der Arzt. „Verkehrsunfälle, Tötungsdelikte, Randale, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Prügeleien: Die meisten Polizeimeldungen darüber enthalten Hinweise auf den Zusammenhang mit Alkohol. Im Gegensatz dazu geht es in den Meldungen über Cannabis immer nur um Besitz oder Handel, fast nie um Übergriffe. Warum ist dann eigentlich nicht Alkohol verboten?“, fragt sich Rücker. Keineswegs K.o.-Tropfen, sondern Alkohol sei die „Vergewaltigungsdroge Nummer eins“. Schon in der Bibel, im 1. Buch Mose, basiere Gewalt auf dem Rauschmittel.

Pro Kopf, so der Mediziner, konsumiere der Durchschnittsdeutsche 99,5 Liter Bier im Jahr. „Wir haben 2014 insgesamt 8 059 500 000 Liter Bier weggebechert. In nebeneinandergestellten Bierflaschen sind das 261 933 Kilometer, 6,2 Erdumrundungen.“ Es sei absurd, dass bei Vorkommnissen, angefangen vom vermeintlich kleinen Fauxpas – jemandem an den Hintern fassen – bis zum Verursachen eines Unfalls mit Toten, das Vorliegen von Trunkenheit als mildernder Umstand angesehen werde und am Ende sogar ein Strafmaß vor Gericht herabsetzen könne.  

Die Schwester im Team und Rücker selbst verzichten komplett auf Alkohol und zucken schon, wenn Eierlikör über den Eisbecher gegossen wird. „Aber auf Feiern lachen wir immer am lautesten“, sagt der Mediziner – ganz ohne Rauschmittel.

Kontakt: Dr. Gernot Rücker, Leiter der Rostocker Simulationsanlage und Notfallausbildungszentrum (RoSaNa), Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, Universitätsmedizin Rostock,
Tel.: 0381 494 6487