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Mit Hand und Herz im Einsatz: Wolfgang, der Gipser

23. April 2014

Wolfgang Grosse gipst seit fast 40 Jahren an der Universitätsmedizin Große und Kleine und wird von allen gemocht. Im Gespräch verrät er, warum sein Beruf ausstirbt und warum auch OP-Schwestern zu ihm kommen.

Wolfgang Grosse ist Gipser - und ein Original. Seine Patienten nennt er liebevoll „Schieter“ oder „Große“, von  ihm sprechen alle als „Wolfgang, der Gipser“. Gerade versorgt er mit routinierten Griffen eine 96 Jahre alte Dame, die sich den Fuß gebrochen hat. Vor mehr als vier Jahrzehnten nahm der 60-Jährige an der Rostocker Universitätsmedizin seine Arbeit auf. Heute gibt es nicht mehr viele, die seinen Beruf ausüben. Ein Interview.

Herr Grosse, wie sind Sie zum Gipsen gekommen?

Wolfgang Grosse: Vor 43 Jahren, am 2. Juni 1971, habe ich an der Rostocker Uniklinik angefangen, Krankenpfleger gelernt. Gegipst wurde immer, das können alle Schwestern. Ich aber habe mich richtig reingehängt und wurde hauptamtlich Gipser. Das macht mir Freude. 

 Was ist die Kunst dabei?

Grosse: Eigentlich bin ich kein technischer Mensch und kriege keinen Nagel in die Wand. Aber dieses Feine und Sensible liegt mir. Das Gipsen ist eigentlich eine ärztliche Handlung, man wird also zum Delegierten des Arztes, aber nach so vielen Jahren wird mir nichts mehr erklärt. Ich kann nicht zum Doktor sagen: „Das kann ich nicht“. Das nehmen die mir nicht ab.

Wie hat sich Ihr Beruf mit den Jahren verändert?

Grosse: Nach der Wende ist das Material besser geworden. Kunststoffverbände und Tapes kamen hinzu. Auch ein Fakt: Wenn ich früher einen Beckenbeingips gemacht habe, brauchten wir drei Mann. Heute bin ich fast immer allein. Da freue ich mich, dass ich im Moment eine junge Dame an meiner Seite habe, die hier ihren Bundesfreiwilligendienst macht und einmal Physiotherapeutin werden möchte. Das ist ein guter Start.

Gibt es noch viele hauptamtliche Gipser wie Sie?

Grosse: In Berlin und Süddeutschland, aber im Norden nicht mehr. 

Ein aussterbender Beruf?

Grosse: Das ist wohl so. Meist machen die Schwestern das mit. In Österreich, in der Schweiz oder England können Pfleger eine Spezialausbildung zum Gipser machen. Das ist in Deutschland aber nicht anerkannt. Ich denke, dass durch neue Verfahren der Bedarf sinkt. Patienten werden heute schneller operiert. Das ist für das soziale Leben der Patienten natürlich angenehmer. Als ich damals anfing, war die Ruhigstellung die konservative Behandlung, jetzt gibt es im Vorfeld die operative Versorgung. 

Das heißt? 

Grosse: Wenn ich früher einen Finger gegipst habe, kommt da heute ein Draht rein. Gegipst wird nur noch, wenn Frakturen nicht operiert werden können, oder nach der OP zur besseren Wundheilung. Zu DDR-Zeiten hatten wir rund 12 000 Gipsungen pro Jahr. Letztes Jahr waren es gerade 2700. Es gibt heute auch viele Fertigprodukte, die Orthopädiewerkstätten nach Maß anfertigen und uns liefern.

Zu Ihnen kommen Menschen in unangenehmen Situationen - wie gehen Sie auf sie ein?

Grosse: Ich bin nicht der launische Typ. Ich versuche es mit „Schmökenkram“: Wärme geben, die Hand reichen, beruhigen. Und lieb sein. Es kommt jeder gern zu mir.

Sie gipsen nicht nur…

Grosse: Nein, seit sieben Jahren gehört auch das Kinesio-Tapen dazu – mit diesen bunten Akupunkturpflastern. Davon halte ich sehr viel, der Patient bleibt gesellschaftsfähig und muss keine Medikamente nehmen. Aber dabei spielt auch der Placebo-Effekt eine Rolle: Nur wenn der Patient die Behandlung annimmt, gibt es Erfolge. Ich orientiere mich an der chinesischen Medizin, die den Menschen als Ganzes betrachtet statt nur das kranke Bein. Im vergangenen Jahr haben wir etwa 2000 Patienten mit den Tapes geholfen. Auch einige Leute aus unserem Personal sind getapet: Zum Beispiel OP-Schwestern. Sie sind durch ihre einseitige Haltung klassische Kandidaten für Rückenschmerzen.

Hatten Sie im milden Winter wenig zu tun?

Grosse: Das ist ein Irrglaube. Übers Jahr gesehen gibt es keine Unterschiede. Im Sommer haben wir mehr Urlauber. Und was treiben Urlauber gern? Sport! Knieverletzungen, angeknackste Sprung- oder Handgelenke – solche Dinge passieren am häufigsten, egal ob es warm ist oder kalt.

Was gipsen Sie am liebsten?

Grosse: Den Sarmiento-Gips - einen Unterschenkelgips mit Kniekappe. Das ist was Besonderes und kommt nicht mehr oft vor. Ich habe früher auch Becken gegipst, auch das wird heute nicht mehr gemacht. Ein Korsett habe ich noch mit dem Chefarzt der Unfallchirurgie, Prof. Dr. Thomas Mittlmeier, angefertigt. Das können die wenigsten, aber unser Chef beherrscht alles. Und ich kann es auch noch.

Worauf muss man beim Gipsen achten?

Grosse: Die Polsterung ist wichtig. Man muss auf die Funktionsstellung achten, also: rechter Winkel im Sprunggelenk, beim Ellenbogen 90-Grad-Winkel, beim Handgelenk 20 Grad-Streckung, Knie 30 Grad und so weiter. Nach so vielen Jahren habe ich alle Stellungen im Kopf, die lassen sich einfach abrufen. Wenn der Patient reinkommt und ich ihn sehe, weiß ich, was ich zu machen habe. Ich fasse an und fühle.