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Turnhalle statt Couch: Forscher wollen Gesundheit Langzeitarbeitsloser fördern

29. April 2014

In der Laufhalle hinter der Rostocker DKB-Arena kommen sechs Frauen und ein Mann mächtig ins Schwitzen. Trainerin Gabriele Retzlaff vom 1. LAV treibt sie an. „Ursula, die Arme höher halten. Steigere dich in der nächsten Runde!“ Gas geben für die Forschung: Die Damen sind Teil der Studie „Fit durch Landwint““ des Instituts für Präventivmedizin der Universitätsmedizin Rostock. Im Institutsgebäude an der St.-Georg-Straße laufen alle wichtigen Daten für ein richtungsweisendes Projekt zur Gesundheitsförderung bei Langzeitarbeitslosen zusammen. „Mecklenburg-Vorpommern ist das Bundesland mit dem höchsten Anteil an Langzeiterwerbslosen“, erzählt Institutsleiterin Prof. Dr. Regina Stoll. Eine vom Bundesbildungsministerium geförderte Pilotstudie „Fit 50+“ ist mittlerweile auf die Region Mittleres Mecklenburg ausgeweitet worden. Hehres Ziel: die Gesundheit und Leistungsfähigkeit Langzeiterwerbsloser zu verbessern, sie zu reaktivieren, anzuspornen, für sich und ihre Gesundheit zu sorgen – und sich wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. „Schließlich besteht in MV eine hohe Diskrepanz zwischen dem Fachkräftemangel und einem hohen Anteil Erwerbsloser, die man schlecht auf die offenen Stellen bekommt“, sagt Prof. Stoll.

Fürs Projekt Probanden zu finden - keine leichte Aufgabe. „Es ist schwer, diese Gruppe anzusprechen, sagt Dr. Steffi Kreuzfeld vom Institut, die die Studie leitet. Viele derer, die im Schnitt länger als zehn Jahre keinem Job mehr nachgegangen sind, wiesen ein allgemein geringes Bewusstsein für die eigene Gesundheit auf, litten häufiger als andere unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, chronischen Rückenschmerzen, Fettstoffwechselstörungen und einer geringen körperlichen Leistungsfähigkeit. Ein Drittel der Untersuchten wies eine klinisch relevante Depression auf. „Bei vielen lief den ganzen Tag der Fernseher“, berichtet Kreuzfeld. „Wenn dann das Arbeitsamt anruft und einen zu Schneeschippen oder Erdbeerernte verpflichtet, übersteigt das schon die Leistungsfähigkeit mancher Betroffener“, so Kreuzfeld. Es sei nicht von der Hand zu weisen: „Je geringer der soziale Status, desto geringer fällt auch das Gesundheitsbewusstsein aus. Deshalb erschien es uns sinnvoll, ein Angebot zu entwickeln, dass zunächst für das Thema Gesundheit sensibilisiert und anschließend Wissen mit praktischer Anwendung kombiniert.“ Gesagt, getan. Die Forscher kooperierten mit einem privaten Bildungsträger, der sich speziell um die Vermittlung älterer Langzeitarbeitsloser kümmert. Parallel zur fachlichen Qualifizierung nahm dort mehr als die Hälfte der Kunden freiwillig an der Gesundheitsförderung teil: Nach 40 Stunden Wissensvermittlung ging es zum Sport.

Schon die Pilotstudie  mit 119 Studienteilnehmern in Schwerin hatte frappierende Ergebnisse hervorgebracht: „Das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen sank, die Fitness verbesserte sich deutlich. Die allgemeinen psychischen Beschwerden und der Medienkonsum nahmen dank Schulung und Training ab, die Lebensqualität stieg, die Probanden entwickelten ein besseres Verständnis für gesunde Ernährung und Bewegung“, fasst Kreuzfeld zusammen. Viele Studienteilnehmer des Pilot-Durchlaufs hätten die Möglichkeit in Anspruch genommen, nach den regulären 60 Sportstunden in drei Monaten noch weitere sechs Monate lang das Training fortzusetzen.

Anlass für die Forscher, für einen niedrigschwelligen Zugang für Langzeitarbeitslose zu Fitnesscentern oder Sportvereinen zu plädieren. „Man müsste natürlich die Trainer für diese Gruppe sensibilisieren, sie speziell schulen“, schlägt Steffi Kreuzfeld vor. Mitglieder seien ja per se „eher Menschen, die ohnehin für sich selbst gut sorgen können“.

Eine, die nicht mehr überzeugt werden muss, ist Doris Daniel. Sie ist seit mehr als 20 Jahren ohne Job. Die gelernte Industriekauffrau war lange im Rostocker Fischkombinat beschäftigt. „Mit der Wende habe ich den Anschluss verloren“, erzählt die 59-Jährige. Letztes Jahr erst hat sie ihr Englisch aufgefrischt; sie möchte gern wieder arbeiten. Die Sporteinheiten in der Laufhalle hinter der DKB-Arena geben ihrem Leben neuen Schwung. Die Rostockerin hat das Laufen für sich entdeckt. „Mittlerweile jogge ich von Evershagen nach Lichtenhagen und überall sonst hin“, sagt sie strahlend. „Früher hätte man mir mit Sport nicht kommen können.“ Und wenn die Förderung für den Studien-Kurs ausläuft? Werde sie keinesfalls wieder auf der heimischen Couch landen: „Dann mache ich eben allein weiter.“

Die Damen sammeln sich nach dem Warmlaufen in der Halle, nun gibt’s Gymnastik. Neulich trafen sich alle zum Frühlingsbrunch. Mit einer Menge Gesundem auf den Tellern.