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Waldspaziergang auf Rezept

21. July 2015

Weltweit einzigartiges Projekt abgeschlossen / Bäderverband und Forscher entwickelten Kriterien für Heilwälder

Viehweide, Jagdrevier, Lieferant für Feuerholz und Nahrung: Der Wald gehörte in Mitteleuropa früher zum alltäglichen Lebensumfeld. „Seine gesundheitsfördernde Wirkung hingegen wird bisher wenig ausgeschöpft“, sagt Prof. Dr. Karin Kraft von der Universitätsmedizin Rostock. Sie ist die einzige weibliche Vertreterin unter den wenigen Inhabern einer Stiftungsprofessur für Naturheilkunde an deutschen Universitätsmedizinen. Die Forscherin erbringt den wissenschaftlichen Anteil an einer Initiative, die unter der Federführung des Bäderverbands Mecklenburg-Vorpommern e. V. vor zwei Jahren startete und nun ihren Abschluss fand. Ziel des weltweit einzigartigen Projekts, das unter anderem auch von Spezialisten der Forstverwaltung und des Tourismus begleitet wurde: die Entwicklung von Waldgebieten zu Kur- und Heilwäldern. „Im Landeswaldgesetz Mecklenburg-Vorpommern ist die Möglichkeit festgeschrieben“, sagt Marianne Düsterhöft, Geschäftsführerin des Bäderverbands MV. Eingebunden haben die Kooperationspartner fünf Wälder in den Kur- und Erholungsorten Bad Doberan, Graal-Müritz, Heringsdorf, Sassnitz und Waren/Müritz. Gutachten entstanden, Empfehlungen wurden erarbeitet und Kriterien für den Kur- und Heilwald entwickelt. Hilfreich könnte der Waldaufenthalt laut Prof. Kraft etwa für Patienten mit orthopädischen Beschwerden, fortgeschrittenen Herzproblemen, bei psychosomatischen Krankheitsformen sowie für kranke Kinder sein.

„In Südostasien gibt es bereits Waldprojekte“, erzählt Karin Kraft. „Dort erholen sich gestresste Bürger in geschützten Arealen.“ Eine Naturerfahrung, die heilsam sei und bitter nötig: „Als ich im Mai zu einem Symposium nach Seoul flog, bekam ich beim Landeanflug einen Schreck. Die Menschen leben in riesigen Betonklötzen ohne jedes Grün.“ Die wenigen bisher verfügbaren Heilwälder bildeten dazu einen hochwillkommenen Kontrast. „In einem dieser Wälder wurden die Böden zum Teil mit Matten aus Seetang-Fasern ausgelegt, um auch Gehbehinderten den Zugang zu erleichtern“, so Kraft.

Das Klima der küstennahen Orte in MV, die für das Waldprojekt ausgewählt wurden, ist sehr gesundheitsfördernd. „Wer in unser Bundesland kommt, denkt meist an die See. Dabei hat der Wald am Wasser ebenfalls einen besonderen Reiz.Denken Sie an eine Fichten-Monokultur nahe dem Ruhrgebiet – was bietet uns dagegen so ein schöner Küstenwald am Meer oder an einem See.“

Schritte für die Etablierung der Heilwälder sind erarbeitet. Nun warten die Projektpartner auf eine Rückmeldung des Landes zu nächsten Maßnahmen, allen voran des Landwirtschaftsministeriums, dem auch der Landesforst unterstellt ist. „Wir müssen den Gang in den Wald unter geschützten Bedingungen für zum Teil schwerkranke Menschen in der immer älter werdenden Bevölkerung möglich machen“, plädiert die Wissenschaftlerin.

Wie müsste so ein Heilwald bestückt sein? „Es braucht keine großen Investitionen, die nachhaltige Kosten erzeugen“, betont Kraft. Oft genüge schon eine Eisenstange oder ein befestigter Baumstamm nebst Schildern mit Anleitungen, um einige Übungen zu absolvieren. Gute Zuwege seien ebenfalls wichtig; Radfahr-Strecken müssten in einigem Abstand an den Wegen für die Kranken vorbeigeführt werden.

Der Vorstoß des Bäderverbands erfährt viel Resonanz. Ein Schub, den die Initiatoren nutzen möchten: Für das Frühjahr 2016 ist zum Zusammenwirken von Wald und Medizin ein internationaler Kongress in MV geplant.