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Alte Bücher bringen Licht ins Dunkel

05. Juli 2017

Hautklinik-Chef Prof. Dr. Steffen Emmert (l.) und Medizinhistoriker Prof. Dr. Hans-Uwe Lammel mit den Büchern und einigen Moulagen.

Wachs-Nachbildungen der Hautklinik können besser eingeordnet werden

Die Hautklinik der Universitätsmedizin Rostock hat eine Bücherspende erhalten – und kann dank der geschenkten Bände nun mehr Licht ins Dunkel um ihren Bestand lebensnaher Wachsnachbildungen bringen. Knapp 40 sogenannte Moulagen lagert die Klinik heute noch in ihren Vitrinen. Sie zeigen krankhaft veränderte Körperteile in naturgetreuen Nachbildungen. Mehr als 3000 solcher Modelle gab es einst an der Rostocker Hautklinik. In authentischen Farben, Größen und Formen veranschaulichten die dreidimensionalen Objekte Haut- und Geschlechtskrankheiten, die sonst den Studenten nur in der Theorie hätten umschrieben werden können. Gefertigt wurden sie von der Moulageurin Auguste Kaltschmidt zwischen 1908 und 1933 nach dem Abbild echter Patienten und, um die Lebensnähe zu unterstreichen, mit nachempfundener Körperbehaarung. Viele der Modelle zeigen die verschiedenen Ausprägungen der Syphilis.

Die ersten Nachbildungen von Körperteilen begannen im 18. Jahrhundert. Prächtige Modelle, die nun auch „die äußerlichen Krankheiten“ abbildeten, wie es hieß, entstanden ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Rostocker Moulagen-Sammlung galt als eine der bedeutendsten in ganz Deutschland und sollte 1940 sogar auf einem Kongress in New York ausgestellt werden. Bevor es jedoch dazu kommen konnte, wurde im Zweiten Weltkrieg ein Großteil des Bestands zerstört. Von den knapp 40 Exemplaren zeigte die Unimedizin kürzlich einige in einer Ausstellung der Öffentlichkeit.

Die jetzt erhaltene Bücherspende umfasst mehrere Bände eines „Atlas der Haut- und Geschlechtskrankheiten“ aus dem Jahr 1928 einschließlich schriftlicher Erläuterungen und Ergänzungsbände. Sie gehörten einst Prof. Walther Frieboes, der in den 20er Jahren die Hautklinik leitete und später an die Berliner Charité wechselte. Sein Enkel Dr. Klaus Rüther stellte den gut gehüteten Bücherschatz dem heutigen Klinikchef Prof. Dr. Steffen Emmert zur Verfügung. „Mich hat einiges, das ich in den Bänden gesehen habe, sehr überrascht", sagt Emmert. So habe er Moulagen in den Lehrbüchern entdeckt, die die sogenannte Mondscheinkrankheit darstellen. „Sie wurde 1880 bekannt, man hatte aber lange keine Erklärung für die Entstehung des Leidens.“ Heute ist Xeroderma Pigmentosum (XP) Emmerts Forschungsschwerpunkt. Eine Parallele gebe es nach wie vor: Die Symptome auf der Haut der Patienten sähen heute genauso aus wie abgebildet. Die Ausprägungen der Syphilis im Spätstadium wiederum, die die Modelle veranschaulichen, sehe man heute glücklicherweise kaum mehr.  „Die Rostocker Moulagen sollten lebensecht aussehen, für den Betrachter aber auch ästhetisch eingebettet sein“, sagt Prof. Dr. Hans-Uwe Lammel, Leiter des Arbeitsbereichs Geschichte der Medizin am Klinikum. So sind die Modelle fast allesamt von weißen Tüchern eingefasst.

Der Atlas enthält hunderte Farbtafeln mit abgebildeten Moulagen – und daneben meist farbige Fotografien echter Patienten mit dem abgebildeten Krankheitsbild. „Ein Umstand, der erstaunt“, sagt Lammel. „Farbfotos machen zu lassen, muss damals ein halbes Vermögen gekostet haben.“ Einiges deutet darauf hin, dass die Moulageurin Kaltschmidt auch Urheberin der Fotos gewesen ist.

Moulagen waren ein gängiges Werkzeug für die studentische Lehre. "Bis 1945 war der Moulageur auch ein eigenständiger künstlerischer Beruf", sagt Lammel. Neben Auguste Kleinschmidt arbeitete in der Rostocker Hautklinik noch ein weiterer Spezialist für dieses Handwerk. Das dokumentiert die einstige Bedeutung der Rostocker Hautklinik, der drittältesten mit eigenem Ordinariat im deutschsprachigen Raum nach Breslau und Berlin.

Hautklinik-Chef Emmert hält die Wachsnachbildungen heute in Ehren. Sie sind in einem geschlossenen Raum hinter Glas aufgestellt. Und der Dermatologe nutzt die Schätze noch für die studentische Lehre - auch im Zeitalter von Dr. Google. „Ich nehme jedes Mal ein Exemplar mit in die Facharztprüfung und frage, welche Krankheit wir hier wohl sehen.“ Die erstaunten Blicke, die er dann erntet, lassen ihn jedes Mal lächeln.