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„Ich trage das Leben ins Zimmer“: Musiktherapie für schwerstkranke Patienten

07. Juni 2018

Mit der Taoleier bringt Musiktherapeutin Jana-Christin Walter sterbenskranke Patienten auf andere Gedanken.

Therapeutin musiziert auf Palliativ- und Kinderstation / Junge Patienten erleben Normalität

Ein beruhigender Klang entsteht, wenn Jana-Christin Walter mit ihren Fingern über die Saiten der Taoleier streicht. Mit dem hölzernen Instrument betritt sie seit neun Jahren regelmäßig die Zimmer von schwerstkranken Patienten auf der Palliativstation der Rostocker Universitätsmedizin. Als Musiktherapeutin hilft sie ihnen dabei, für einen kurzen Moment ihr Leiden zu vergessen.

Geredet wird selten in den Therapiesitzungen von Jana-Christin Walter. Nachdem sie durch Ärzte oder Pfleger über den Hintergrund der Patienten informiert wurde, nimmt sie Kontakt auf. „Ich klopfe an die Tür und wenn der Patient einverstanden ist, trete ich ein. Und dann geht es auch schon los“, so die studierte Chordirigentin. Sie singt und musiziert für und mit den Patienten. „Mit ganz einfachen Mitteln trage ich das Leben zu ihnen ins Zimmer“, sagt sie. „Durch die Musik knüpfen wir an das Gesunde und Schöne im Leben an und lenken den Fokus von der Krankheit weg.“

Neben der Taoleier zählen noch viele weitere Utensilien zu Walters Repertoire. „Ich nutze gern Instrumente wie Klangschalen, die ich direkt auf den Körper des Patienten lege“, sagt sie. „Durch den Ton entstehen Schwingungen, die dem Kranken dabei helfen, seinen Körper bewusst wahrzunehmen.“ Stimmgabeln setzt sie ein, um gezielt bei bestimmten Symptomen zu helfen - „mit diesem Instrument lässt sich nachweislich Fieber senken, Luftnot verbessern und Schmerz lindern - und das auf eine sehr angenehme Weise.“

Auch den kleinen Patienten der Kinderkrebsstation stattet die Musiktherapeutin Besuche ab und lässt sie an Trommel, Keyboard oder Gitarre einfach nur Kind statt Patient sein. „Kinder haben diese Stehaufmännchen-Mentalität, für sie ist heute heute und morgen morgen“, sagt die gebürtige Berlinerin. „Sie grübeln nicht so viel wie wir Erwachsenen, sondern leben im Moment. So kommt der Kontakt schnell und spielerisch zustande.“ Großer Renner bei den Kleinen ist die Sansula - ein handliches Instrument, das märchenhafte Klänge erzeugt und ganz einfach selbst gespielt werden kann. „Untermalt von diesen Tönen erzählen wir uns Geschichten und unternehmen Phantasiereisen.“ Bei den Eltern stößt das Therapieangebot auf Begeisterung: „Durch die Musik schaffen wir ein Gefühl von Normalität, das in der Klinik oft vor allem für die Mütter und Väter wichtig ist“, so Walter.

Neben ihrer Arbeit auf Station begleitet sie auch das SAPV-Team „Mike Möwenherz“, das in ganz MV schwerkranke Kinder in ihrer letzten Lebensphase zu Hause betreut. „Auch wenn die kleinen Patienten nicht oder kaum noch aufnahmefähig sind, hat die Musik einen sichtbaren Effekt“, sagt die Therapeutin. „Die Atmung verändert sich, der Blick wird klarer. Manche Kinder geben wieder ein paar Geräusche von sich. In aller Trauer sind das sehr schöne Momente.“

Für die Zukunft wünscht sich Jana-Christin Walter, dass der Einfluss von Musik auf die Gesundheit weiter erforscht wird. „Ich sehe zwar in meiner Arbeit täglich, was Musiktherapie bei Kranken bewirkt, die Forschung steckt aber noch in Kinderschuhen“, sagt sie. „Ich bin von dem positiven Effekt überzeugt und würde gern an einer Studie mitarbeiten.“