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Wenn Eltern nicht mehr weiterwissen

27. Dezember 2018

Stefanie Kucklick und ihre Tochter Laura habe spielerisch zueinander gefunden.

Multimodale Familien-Interaktionstherapie an der Unimedizin Rostock

Im Schulalltag stehen Kinder und Jugendliche oft unter großem Druck besonders, wenn sie psychische Probleme haben. Sie müssen Leistungen bringen, wollen von ihren Mitschülern akzeptiert werden und zu Hause gibt es ständig neue Spannungsfelder. Auch die Eltern sehen sich einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt. Gemeinsame Gespräche finden kein Gehör, Probleme werden nicht angegangen, Vorwürfe stehen im Raum. Ein Teufelskreis, in dem sich Eltern und Kinder voneinander entfernen, die Kommunikation zum Erliegen kommt und beide psychisch krank werden können. Der Rostockerin Stefanie Kucklick ist es mit ihrer Tochter Laura genauso ergangen. In der Schule fühlte sich die Neunjährige missverstanden, Wutausbrüche zu Hause gehörten zur Tagesordnung. Dazu kam noch eine extreme Geschwisterrivalität, die Mama Stefanie an den Rand der Verzweiflung brachte. Die 31-Jährige wusste sich nicht mehr zu helfen. "Mir fehlten die Ideen, was ich bei der Erziehung von Laura anders machen könnte", gibt die junge Mutter rückblickend zu.

Um Familie Kucklick aus dieser Spirale herauszuhelfen, hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsmedizin Rostock eine multimodale Familien-Interaktionstherapie (M-FIT) entwickelt. Dabei begleitete die Mutter ihre Tochter während der Therapie tagsüber von 8 bis 14.30 Uhr. Laura war mit den Abläufen der stationären Therapie bereits vertraut, dennoch blieb der zeitlich begrenzte Kontakt zur Mutter für die Neunjährige eine Herausforderung. "Der Abschied ist mir immer schwergefallen, ich habe meine Mama sehr vermisst", erinnert sich die Drittklässlerin.

Über vier Wochen näherten sich Mutter und Tochter in Gesprächs- und Übungsrunden wieder an. Probleme wurden angesprochen und es wurde gemeinsam beratschlagt und in der Praxis ausprobiert, wie sie mit Lauras psychischer Krankheit zukünftig umgehen können. "Sie haben Situationen aus dem Alltag geübt, Alternativen ausprobiert und reflektiert, das stärkt ihr Interaktionsverhalten", erklärt die Psychologin Annika Nöhring. Beim gemeinsamen Spielen haben sie gelernt, respektvoll miteinander umzugehen und Regeln einzuhalten. Ihr Konzentrationsvermögen wurde unter anderem durch Achtsamkeitsübungen, Ergotherapie und Sport gestärkt. "Bei all unseren Angeboten geben wir den Eltern Hilfestellung, wie sie in bestimmten Situationen gelassener reagieren können um den Bedürfnissen ihres Kindes wieder gerecht zu werden", fügt die Psychologin hinzu. So seien zum Beispiel Ich-Botschaften sehr wichtig, um Kindern Regeln und Konsequenzen zu verdeutlichen.

Die Idee, Eltern mit in die Therapie einzubeziehen, war für die Psychologin Annika Nöhring eine logische Folge: "Lauras Probleme sind von ihrem Umfeld oft nur schwierig nachzuvollziehen, deswegen ist es wichtig, die Familie mit einzubeziehen." Über die ambulante Versorgung lassen sich fest eingefahrene Verhaltensstrukturen sonst nur schwer wieder lösen. Wenn die Kinder dazu noch psychisch erkrankt sind, etwa an ADHS oder einer Zwangsstörung leiden, dann wird eine stationäre Behandlung nötig. Mit der Störung wachsen auch die Anforderungen an die Eltern und übersteigen deren Möglichkeiten. Dann bedarf es einer umfassenden und zeitintensiveren Behandlung, in der Kind und die Interaktion mit den Bezugspersonen gleichzeitig therapiert werden. Sich einzugestehen, dass man etwas falsch macht, falle Eltern allerdings sehr schwer. Auch Mutter Stefanie hat es viel Überwindung gekostet, in die Therapie einzusteigen. "Rückblickend weiß ich, es war genau die richtige Entscheidung", sagt sie. Sie hat wieder einen Zugang zu ihrer Tochter gefunden, kann mit ihr über Probleme reden und den Alltag mit deutlich mehr Gelassenheit bewältigen. "Laura ist ein ausgeglichenes kleines Persönchen geworden. Alles, was uns schwergefallen ist, geht jetzt viel besser", sagt die 31-Jährige. Natürlich ergeben sich immer mal wieder Spannungsfelder. Doch jetzt weiß die junge Mutter, wie sie reagieren und auf ihre Tochter eingehen sollte muss. Und auch Laura fühlt sich sichtlich wohler in ihre Haut: "Alles macht jetzt wieder viel mehr Spaß."